Geschlecht als Zuschreibung – oder: Eine (nur etwas) naive Geschichte der Menschheit

Stellen wir uns vor, ein Mensch kommt auf die Welt. Stellen wir uns weiter vor, ein zweiter Mensch kommt auf die Welt. Schauen wir uns diese beiden Menschen an. Sie haben eine Nase, zwei Ohren, Augen, einen Mund. Weiter unten finden wir Schultern und Arme, einen Bauch. Nun wird es spannend. Es gibt einen Unterschied zwischen dem ersten Menschen und dem zweiten: der erste Mensch hat eine Lücke zwischen den Beinen, der zweite Mensch hat an derselben Stelle etwas Hängendes. Was nun? Wir sollten diesen Dingen Namen geben. Nun, nennen wir doch das beim ersten Menschen „Vagina“ und das beim zweiten Menschen „Penis“. Eine gute Entscheidung. Unterschiedliche Dinge sollte man unterschiedlich benennen. Durch diesen Unterschied sollten wir jetzt aber auch diese beiden Menschen unterschiedlich benennen. Ich würde sagen, nennen wir den ersten Menschen „Frau“, den zweiten Menschen „Mann“. Gelungene Begriffe, wie ich finde.

Wieder mal eines dieser von mir vermutlich noch häufiger auftauchenden Beispiele. Was ist grad passiert? Ich wollte natürlich auf etwas hinaus. Und zwar auf die Künstlichkeit von Begriffen. Wir benutzen Begriffe, um Dinge zu benennen. Wenn wir Unterschiede zwischen zwei eigentlich identischen Dingen feststellen, benutzen wir unterschiedliche Benennungen. Das geschah auch irgendwann mal beim Menschen. Wir haben für einen biologischen (natürlichen) Unterschied einen begrifflichen (künstlichen) gefunden. Künstliche Begrifflichkeiten haben wir überall. Wir nennen Tisch „Tisch“, nicht weil er nach „Tisch“ aussieht, sondern, weil wir irgendwann einmal einen Begriff dafür gesucht haben. Mann und Frau sind ebenfalls solche Begriffe, die wir gebraucht haben, um Dinge (oder in diesem Fall Personen) zu kategorisieren.

Von der Kategorie zur Rolle zur Eigenschaft

Beim Menschen haben wir eine Kategorisierung in zwei Kategorien vorgenommen: Frau und Mann. Was sagt dies nun über diese Menschen aus? Nun, erst mal gar nichts. Ein Tisch sieht an sich nicht nach „Tisch“ aus. Eine Frau an sich sieht erst mal nicht nach „Frau“ aus und ein Mann an sich auch erst mal nicht nach „Mann“. (Man hätte die Begriffe auch genau anders herum wählen können, wir würden es heutzutage als normal ansehen, würde der Tisch Mann, die Frau Tisch und der Mann Frau heißen.) Alles also erst mal nur eine Art Label, wie das von einer Jeanshose. (Jeans von Diesel sehen ja auch nicht wie flüssiger Treibstoff aus.) Im Laufe der Zeit haben sich aus diesen Labels oder Kategorien (Mann und Frau) Rollen abgeleitet, die wir immer mehr mit Eigenschaften verbunden haben. Die Eigenschaften entstanden erst, nachdem wir die Rollen hatten. Eigentlich logisch, oder? Zuerst machen wir Label, dann entwickeln sich Rollen und die bekommen dann mehr und mehr Eigenschaften. Irgendjemand kam also mal auf die Idee, die Kategorie „Mann“ ist der Mensch, der Jagen geht. Die Kategorie „Frau“ ist der Mensch, der zu Hause (oder in der Höhle) bleibt. Vermutlich kam das dadurch, dass der Mensch namens „Frau“ weitere Menschen zur Welt brachte (, die dann auch wieder „Mann“ oder „Frau“ genannt wurden) und somit einige Zeit nicht hätte Jagen gehen können.

Soweit alles doch irgendwie noch ganz nachvollziehbar. Der eine Mensch kriegt Kinder; weil dieser Mensch die Kinder eh nicht unterwegs bekommt, bleibt er besser zu Hause und der Mensch, der keine Kinder bekommen kann, der geht dann eben Jagen. Kann man so machen. Die Rollen sind verteilt.

Von der Eigenschaft zurück zur Rolle zurück zur Kategorie?

Was ist nun aber mit den Eigenschaften? Irgendwann kam es aus diesen Rollen, die zunächst an sich keine Eigenschaften mit sich bringen dazu, dass die Menschen namens „Mann“ durch das Jagen Muskeln bekamen. Die Menschen namens „Frau“ bekamen vom zu Hause bleiben eher weniger Muskeln. Auf die Kinder passten sie dann irgendwie auch noch auf – sie waren schließlich zu eh schon zu Hause. Somit hat man dann der ursprünglich nur zur Benennung gedachten Kategorie „Mann“ die Rolle „Jäger“ zugesprochen, der dann die Eigenschaft „Stärke“ zugesprochen wurde. Der Kategorie „Frau“ sprach man die Rolle „Kinderhüterin und Zu-Hause-Bleiberin“ zu und leitete daraus die Eigenschaft „Schwäche“ oder „Verletzlichkeit“ ab.

Und jetzt kommt der Witz der Sache. Nicht nur, dass sich diese Vorstellung, die auf dieser Entwicklung beruht, zu Teilen bis heute hält (dabei jagen Männer sehr selten noch und auch Frauen bleiben selten den ganzen Tag daheim), sondern der Spieß wurde auch umgedreht. Frauen hatten nicht nur mehr die Eigenschaft „Schwäche“ sondern die Eigenschaft „Schwäche“ wurde gleichzeitig zur fraulichen (wir sagen heute: weiblichen) Eigenschaft. Wohingegen Stärke eine männliche Eigenschaft ist. Stereotyp nennt man so etwas.

Nur, weil mal vor soundso vielen Jahrhunderten oder besser Jahrtausenden Männer auf die Jagd gingen und Frauen in der Höhle blieben, gelten Männer heute noch als Träger der Eigenschaft „Stärke“ und Frauen als Trägerin der Eigenschaft „Schwäche“. Und weil dieses vorgeschichtliche Überbleibsel nicht schon genug gehalten hat, geht das andersherum auch noch: Schwäche ist weiblich, Stärke ist männlich.

Ein Huhn legt Eier. Ist jedes eierlegende Tier ein Huhn?

Nur mal ein kleiner Exkurs: Das wäre so, als wenn man sagt, ein Huhn legt Eier und alles was Eier legt, ist ein Huhn. Das mag ja für das erste stimmen, aber die zweite Aussage ist doch echt Quark. Und genauso Quark ist es doch dann auch zu sagen, dass Schwäche eine weibliche Eigenschaft ist.

Hierbei hat es nur noch größere Auswirkungen auf die Rolle. Wenn nun irgendein Mensch der Kategorie „Mann“ die Eigenschaft „Schwäche“ aufweist, dann sagt man: „Du bist doch ein Mann! Schwäche ist was für Frauen, bist du schwach, kannst du kein richtiger Mann sein!“ Mh, irgendwie gewohnte Aussagen. Aber nochmal zum Mitschreiben: Also, ich bin kein Mann, weil? Achso, genau, weil irgendwann mal die Eigenschaften klar zugeschrieben wurden. Hui, ganz schöner Quatsch, oder? Wer sagt denn, weil Frauen irgendwann mal die Eigenschaft „Schwäche“ bekommen haben, dass automatisch „Schwäche“ (sozusagen im Umkehrschluss) gleichzeitig dann Frau bedeutet? Schwäche ist doch eine von vielen Eigenschaften. Und aus der Zu-Hause-Bleiben-Nummer auf „Schwäche“ zu kommen ist doch auch irgendwie nicht mehr das aktuellste, oder?

Zurück zu Menschen mit Penissen und Menschen mit Vaginas

Festgestellt wurde: Es gibt biologisch gesehen einen Unterschied bei Menschen. Diesen Unterschied wollte man kategorisieren und hat dafür die Namen „Mann“ und „Frau“ gefunden. Aus dem Verhalten dieser biologisch unterschiedlichen Menschen hat man die ursprünglichen Kategorienamen auf Rollen übertragen und das dann weiter auf Eigenschaften.

Und was heißt das jetzt alles? Folgendes: Ich denke, man sollte sich klar sein, dass es reale (bzw. natürliche) Dinge gibt: Menschen mit Penissen und Menschen mit Vaginas. Dann gibt es künstliche Begriffe, die dafür sorgen, dass wir diese Dinge in Schubladen packen können, also kategorisieren. Dann gibt es reale Rollen, z.B. Menschen, die Jagen gehen; Menschen, die kochen; Menschen, die Kinder kriegen; Menschen, die singen; Menschen, die tanzen usw. Für diese natürlichen Rollen brauchen wir auch wieder Begriffe, eben künstliche Begriffe (Jäger/in, Sänger/in, Tänzer/in etc.). Und dann gibt es Eigenschaften, wie eifersüchtig, stark, freundlich, energisch, einfühlsam usw. Auch diese Begriffe, sind künstliche Begriffe, die wir gefunden haben, um eben diese entsprechenden Eigenschaften irgendwie zu benennen.

Und jetzt kommt‘s: Genauso künstlich, wie die Wörter sind, die wir den Dingen geben, um sie benennen zu können, haben wir sie irgendwann mal mit den Kategorien „Frau“ und „Mann“ verknüpft. Nicht, weil das Wort „einfühlsam“ irgendwie wie eine Frau aussah oder das Wort „energisch“ nach Mann, sondern weil durch die Rollen, die die beiden Kategorien (Frau, Mann) bekamen, diese Eigenschaften entwickelt wurden und dann im Umkehrschluss (wie gezeigt) auf die Kategorien zurückgeführt wurden.

Soll heißen: Wer grad beim Lesen der Worte „eifersüchtig“ oder „einfühlsam“ an Fraueneigenschaften und bei „stark“ oder „energisch“ an Männereigenschaften gedacht hat, ist genau dieser Sache auf den Leim gegangen. Die Eigenschaft „einfühlsam“ hat nichts an sich mit dem weiblichen Geschlecht zu tun, und die Eigenschaft „energisch“ nichts mit dem biologischen Geschlecht des Mannes. Es sind Zuschreibungen, die sich entwickelt haben, über viele Jahrhunderte und die sich gehalten haben, über eben genau diese vielen Jahrhunderte. Und mit denen sehr viele von uns, auch ich aufgewachsen (also sozialisiert worden) sind.

Also Klartext: „Einfühlsam“ ist nicht weiblich, „einfühlsam“ ist eine Eigenschaft.

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2 Gedanken zu „Geschlecht als Zuschreibung – oder: Eine (nur etwas) naive Geschichte der Menschheit

  1. „Was ist nun aber mit den Eigenschaften? Irgendwann kam es aus diesen Rollen, die zunächst an sich keine Eigenschaften mit sich bringen dazu, dass die Menschen namens „Mann“ durch das Jagen Muskeln bekamen. Die Menschen namens „Frau“ bekamen vom zu Hause bleiben eher weniger Muskeln.“

    Das ist rein evolutionär gesehen natürlich komplett falsch, das weisst du sicher ;). Das Hormon Testosteron führt zur Ausbildung von männlichen Körpermerkmale wie mehr Muskelmasse, stärkerem Wuchs und führt zu einem gröberen Skelettbau. Du beschreibst hier wirklich biologische Eigenschaften (somit reale Unterschiede und eben keine Zuschreibungen), die z.B. auch dazu führen, dass Männer im Schnitt ungefähr 40% Muskelmasse ihres eigenen Körpergewichtes besitzen, während der Wert bei Frauen bei 23% liegt und dass Männer im Schnitt 20% schwerer und 10 cm grösser sind. Korrekt ist auch, dass sich an diesen Genen seit über 100’000 Jahren nichts mehr geändert hat – das ist keine Adaption des Menschen (Homo Sapiens), sondern vererbt. Unsere Gene haben sich seit der Steinzeit kaum verändert.

    Die Ausschüttung von Testosteron führt ebenfalls zu grösserer Risikobereitschaft, Agressivität und Dominanz (Das ist alles nachgewiesen, siehe Wikipedia oder Biologiebuch). Daher verwundert es natürlich nicht, wenn, wie du oben richtig beschreibst gewisse Begriffe und Kategorien einem Geschlecht zugewiesen werden. Somit ist es tatsächlich so, dass „energisch“ bei Männern häufiger zutrifft als „einfühlsam“, weil diese Worte geschaffen wurden um dieses Verhalten zu beschreiben, nicht umgekehrt. Sprachlich ging man wohl immer zuerst von realen, sichtbaren Konzepten aus, bevor es um die Ausformulierung eines Begriffes ging. Das muss für den Einzelnen natürlich nicht stimmen, statistisch würden wir aber das Verhalten von Menschen tatsächlich so einordnen.

    Problematisch ist in erster Linie unser Sprachgebrauch, der diese biologischen Unterschiede mit positiven bzw. negativen Konotationen verbändelt. Hilfreich wäre es in erster Linie, wenn man sprachlich keine Gegensätze haben muss. Wie immer, wenn zwei Varianten geboten werden, gehen leider die meisten Menschen davon aus, dass eine davon weniger wert sein muss als die andere. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Es gilt eine Definition zu finden, bei der sowohl die „40% – stark“ als auch die „23% – schwach“ positive Wörter zur Einordnung bekommen. Das ist leider bis jetzt nicht der Fall.

    Ich hoffe das war jetzt nicht zu negativ 🙂

    Grüsse

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