Mädchen mit Eiern

Jetzt wird’s rosa! Seit einiger Zeit fahre oder laufe ich in der Stadt an Werbeplakaten von der Traditionsfirma ferrero vorbei. Das sind die, die die Überraschungseier machen. Ferrero hat sich was Neues ausgedacht: Überraschungseier für Mädchen! Gucke an, wie nett.

Mir war gar nicht bewusst, welche Exklusivrechte Jungs an Überraschungseiern die letzten Jahrzehnte hatten. Da haben doch die Mädchen einfach immer die normalen Ü-Eier genascht. Wurde ja Zeit, dass es jetzt welche „nur für Mädchen“ (ferrero.de) gibt. Oder heißt das nicht eigentlich, ich muss mich als Junge ausgeschlossen fühlen? Waren die Normalo-Ü-Eier für beide und die jetzt „nur für Mädchen“ aber es gibt keine „nur für Jungs“? Volle Verwirrung.

Rosa ist die Frauenwelt, und „schminkig“ und „tratschig“ und „tierig“

Ferrero ist nicht allein mit dem Schachzug, etwas „nur für Mädchen“ zu machen. Vor einiger Zeit legte LEGO, der nette Bausteinefabrikant aus Dänemark, vor. In freundlich pastellig-rosafarbener Unterkomplexität (das ist schließlich nicht LEGO Technik!) der LEGO Friends Welt, können sich Mädchen so richtig austoben und alles nachspielen, was Mädchen gern machen, also Pferde streicheln, tratschen, über Make-Up reden, die ganze Palette eben. Die LEGO-Benutzerinnen können sich sogar mit den fünf extra dafür geschaffenen LEGO-Charakteren Emma, Mia, Andrea, Stephanie und Olivia identifizieren, die ein richtig tolles Leben führen. Mia liebt Sport, Tiere und setzt sich gern für die Umwelt ein, Emma berät ihre „Freundinnen, was Schminke und Mode angeht“ (legofriends.com) und irgendwie hängen alle voll gerne rum und tun irgendwie so nichts. Klasse Frauenbild, das LEGO da hat, RESPEKT!

Zurück zum Ü-Ei „nur für Mädchen“. Wenn ich mal ferrero zitieren darf:

„Der Grund für diese Maßnahme? Erkenntnisse der Markforschung inspirierten kinder Überraschung dazu. Die besagen, dass sich Mädchen heutzutage nicht mehr in nur eine Schublade stecken lassen.“ (ferrero.de)

Klar. Genau. Ein rosa Ei extra für Mädchen. Um Schubladen zu umschiffen. Logisch! Und ferrero will vor allem Kinder nicht durch Werbung beeinflussen. Schreiben die auch extra auf ihre Seite:

„Ferrero ist der Überzeugung, dass werbliche Kommunikation, die sich überwiegend an Kinder richtet, mit besonderer Sorgfalt ausgeführt werden muss. Insbesondere dann, wenn Kinder unter 12 Jahre ohne Begleitung durch die Eltern der Werbung ausgesetzt sind. Daher erfolgt an dieser Stelle eine Altersabfrage.“ (ferrero.de)

Bin ich der Einzige, der das alles irgendwie ein bisschen seltsam findet? Nein, zum Glück nicht. Die Frankfurter Rundschau griff das Thema auch auf.

http://www.fr-online.de/panorama/ueberraschungsei-fuer-maedchen-das-rosafarbene-maedchen-inferno,1472782,16920588,view,asFirstTeaser.html

Aufregung um Eier

Woher kommt nun aber die Aufregung? Man könnte doch sagen, dass das eigentlich voll nett ist, dass so viele Unternehmen auch an Mädchen denken.

Wäre es sicher, wenn diese Unternehmen nicht schreckliche Klischees damit füttern würden. Wieso ist denn das Mädchenzeug immer rosa? Ein Mädchen kommt doch nicht auf die Welt und beschließt: Meine Lieblingsfarbe ist rosa! LEGO stellt mit der LEGO Friends Welt ein interessantes Frauenbild auf. Wenn die Männer zur Arbeit gehen, dann haben die Frauen, die, wie es sich für eine gute Hausfrau eben gehört, natürlich zu Hause bleiben und schnacken, Zeit um über Schminke und Klamotten zu reden. Und dann kommt natürlich immer das Argument, dass das Mädchen besonders anspricht. Da sollte man sich mal fragen, in welcher Spirale man da vielleicht gefangen sein könnte. Wie gesagt, Mädchen kommen mit solch schwachsinnigen Frauenbildern nicht auf die Welt. Irgendwer wird die vorgeben. Irgendwer ist in diesem Fall LEGO und ferrero höchstpersönlich selbst.

Man stelle sich mal Pippi Langstrumpf mit der LEGO Friends Welt oder einem rosa Ü-Ei vor. Ein skurriles Bild. Diese fiktive Figur ist nicht in rosa aufgewachsen und trotzdem wohl ein echtes Mädchen. Die Bilder, die LEGO oder ferrero durch ihre Mädchenprodukte erzeugt, haben aber sicher nicht bei der Entstehungsphase Pippi Langstrumpf vor Augen gehabt. Hier werden uralte Stereotypen bedient, über die Astrid Lindgren beispielsweise schon 1941 (wikipedia.de) hinweg war.

Die Rollen sind klar verteilt. Das zeigt auch die Sonderserie, mit der ferrero die Ü-Eier für Mädchen ausstattet. Sind bei den 0-8-15-Eiern Nilpferde vertreten, finden Mädchen in der Mädchenserie ihre Heldinnen (eigentlich Feen) aus dem Winx Club (online.winxclub.com/centro-web/) wieder. Das sind große, schlanke (eigentlich sind die gar nicht schlank, der Taillenumfang wäre eher ein Todesurteil) und verdammt gutaussehende junge Feen, die gegen das böse Kämpfen. Ein Trailer auf der Onlinepräsenz dieser Feen zeigt auch einen animierten Comictrailer, in dem eine der Feen (namens Bloom) von einem blonden, starken Ritter in Rüstung aufgefangen wird, während sie sagt „But my biggest challenge has been to find myself.“ Ja, zu sich selbst findet man als Frau eben nur in den starken Händen eines blonden Schönlingritters. Ist das die Frau von heute? Hoffentlich und sicher nicht! Warum dann das ganze? Wo ist denn die Fee, die zum Ritter sagt: Fass mich nicht an Blondi, ich mach das alleine!

Der Ritter und die Ingenieurin

Hallo? Wo sind denn bitte die Kfz-Mechanikerinnen, Informatikerinnen, Ingenieurinnen von morgen? Besser gefragt, wo sollen sie herkommen, wenn man ihnen solche Bilder praktisch mit in die Wiege legt? Ist eine Frau nicht mehr als rosa, sexy, schlank, tierlieb, schminkbegeistert?

Was die Aufregung soll ist also klar. Mädchen werden sozialisiert, Jungs werden sozialisiert, Kinder eben werden sozialisiert, d.h. sie wachsen in Gesellschaften auf, die sie prägen und ihnen Rollen und Mechanismen vorgeben und vorleben. Vor allem werden Kinder in frühen Jahren durch Werbung, Spielzeug und Süßigkeiten sozialisiert, so seltsam wie das zunächst vielleicht klingen mag und so ungern manche Eltern das jetzt wahrhaben wollen. Manchen Kindern gelingt irgendwann später der Ausbruch aus einer stereotypen Mann-Frau-Welt. Häufig ist das aber nicht so leicht, antrainierte Rollenmuster einfach abzulegen. Das wäre aber auch nicht nötig, wenn diese Rollenbilder nicht so stereotyp von Anfang an bedient würden.

Abschließend also ein paar offene Fragen: Warum sollte LEGO Technik nicht auch für Mädchen spannend sein, warum sollen Jungs immer mit Autos und nicht mit Puppen spielen, wer verspricht sich eigentlich was davon, wenn diese Stereotype aufrechterhalten werden, warum trauen sich so wenige Unternehmen dieses Denken einmal aufzubrechen und warum – um Himmels willen – sind die normalen Ü-Eier auf einmal nicht mehr mädchengerecht?

PS: Somit kann man folglich nur eins mit „Ei love Rosa“-Plakaten machen: http://f.asset.soup.io/asset/3671/4815_de48_500.jpeg

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