#Aufschrei im Himmelreich oder: Der Chauvinist in deinem Kopf

Vor gut anderthalb Wochen begann ganz plötzlich in Deutschland eine Debatte um Sexismus. Viel wurde darüber geredet, gesagt wurde so gut wie gar nichts. Dass Sexismus im Kopf des Mannes entsteht und nicht durch kurze Röcke oder tiefdekolletierte Dirndl, hätte mindestes erwähnt werden sollen!

Zunächst tauchte im STERN ein Artikel auf, der sich „Der Herrenwitz“ nannte. Die Autorin war Laura Himmelreich. Den Namen hatte wohl vorher noch nie jemand gehört, plötzlich war er in aller Munde. Himmelreich begleitete ein Jahr lang den FDP Spitzenpolitiker Rainer Brüderle und beginnt ihr Portrait über ihn mit der Schilderung einer Barszene, die für sie mehr als unangenehm schien. Sie schließt die Unterhaltung mit dem Satz: „Ich finde es besser, wir halten das hier professionell.“ (Zum Nachverfolgen, hier der besagte Artikel: http://bit.ly/VsBNhe)

Ein #Aufschrei geht um

Dass es notwendig ist, einen Mann auf die äußeren Umstände einer Situation hinzuweisen, die per se eine professionelle, nämlich die zwischen Politiker und Journalsitin, ist, veranlasste Twitter-User_innen unter dem Hashtag Aufschrei (#Aufschrei) ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus auszutauschen. Binnen kurzer Zeit fanden sich zehntausende Tweets.

So wurde also ein Portrait über Brüderle zum Anlass, über ein Thema in Deutschland zu reden, dass scheinbar vielen längst auf der Seele brannte. Brüderle und der Artikel waren dabei folglich nur der Auslöser, das Problem und seine Ursache waren bereits in hohem Maße vorhanden. Wenn nun aber ein Spitzenpolitiker der FDP Schelte bekommt und gleichzeitig die für Medien oft immer noch ominös wirkende „Internet-Community“ so auf eine Thema reagiert, muss ein solches Thema zwingend schnell auf die Agenda von Fernsehtalkrunden. So geschah es, dass Günther Jauch und („Goldene Kamera“-Preisträger für die beste Unterhaltungssendung im Deutschen Fernsehen nach Zuschauervoting(!), nämlich „Wetten, dass…?“) Markus Lanz über das Thema „Sexismus“ sprachen.

Lachen wir den Sexismus nieder

Wer hoffte, die Debatte würde in ernsthaftem Rahmen geführt, muss fast naiv gewesen sein. (Ich gehörte selbst dazu, die Hoffnung überwog, die Enttäuschung kam promt.) Sowohl der Nach-Tatort-Polit-Talk-Termin Günther Jauch als auch das „Wir-reden-mal-von-Du-zu-Du“-Format Lanz schafften es mit ihren Gästen mindestens einen Herrenwitz in die Sendung einzubauen. Bei Jauch sorgte Hellmuth Karasek für eben diesen. Bei Lanz ließ man(n) Schlagersänger Heino darüber palabern, wie schön er es finde, dass viele Frauen aufgrund ihrer Brüste berühmt geworden seien. Lanz, dem vermutlich die Redaktion vor der Sendung mehrmals sagte: „Markus, du musst den Menschen ganz oft sagen, dass du die Debatte sehr wichtig findest und auch sehr ernst nimmst!“, hätte vielleicht vorher mal irgendein Buch oder wenigstens sein Smartphone zu Rate ziehen sollen, um nachzulesen, was eigentlich dieses „Sexismus“ bedeutet. Leider hatte Lanz aber viel mehr Spaß dabei, sich über Heinos Statements schlapp zu lachen.

Beide Sendungen waren neben vielen Lachern zum Thema auch nicht in der Lage, sich vom eigentlichen Auslöser zu entfernen, um in die wahre Debatte vorzudringen. Lieber hielt man dem STERN (zwar berechtigt!) vor, die Debatte sei irgendwie heuchlerisch, wenn man ständig Gesundheitsthemen mit nackten Frauenkörpern auf dem Covern anpreisen müsse und auch ein Jahr warte, bis Brüderle an die Spitze der FDP kommt, um dann mit besagtem Artikel zuzuschlagen. Viel drehte sich also um den STERN, nicht wirklich ging es um Sexismus und leider gelang es daher nicht einmal Alice Schwarzer dem Publikum zu erklären, was Sexismus nun eigentlich ist.

Missverständnisse in der Sexismusdebatte

In der ganzen Debatte hört man nun Männer aufschreien (die Wortwahl ist durchaus gewollt), die nicht mehr flirten wollen, die Angst haben, Frauen anzusprechen und man hört auch FDP-Querkopf Wolfgang Kubicki, der jetzt einfach nichts mehr mit Journalistinnen zu tun haben will (http://bit.ly/XRSOB5). DAS alles ist natürlich nicht Sinn und Zweck solch einer Debatte, aber Ergebnis dessen, was u.a. in den Medien daraus gemacht wurde. Alle reden drüber, viele wissen aber leider noch immer nicht, was das nun eigentlich ist. Daher hier nun ein paar (männliche) Sichtweisen auf das Thema Sexismus:

Am Anfang Folgendes: Sexismus kann es in beide Richtungen geben. Darauf wurde auch in besagten TV-Formaten hingewiesen, nur leider wurde immer etwas sehr entscheidendes vergessen: Sexismus von Mann gegen über Frau ist um einiges häufiger! Klar können auch Männer Opfer von Sexismus sein, das will niemand in Abrede stellen, der andere Fall, also dass Frauen Opfer von Sexismus werden, ist aber nunmal mehr verbreitet.

Flirten ist nicht gleich Sexismus. Niemand nimmt einem oder einer einen Flirt übel. Das Problem ist häufig nur, dass viele nicht wissen, was ein Flirt ist. Der Flirt findet zunächst immer in einem Rahmen ab, der nichts mit der Arbeit zu tun haben sollte. Außerdem sind die Menschen, die an einem Flirt interessiert und beteiligt sind, nicht in einer Funktion anwesend sonder immer im Privaten. Wer schlau ist, hat übrigens den wichtigsten aller Punkte auch schon bemerkt: es sind mindestens zwei Menschen an einem Flirt beteiligt, übrigens, zwei Menschen, die flirten wollen! Und zwar beide.

Brüderle – klarer Fall von Sexismus

Hier könnten wir übrigens wieder mal auf Herrn Brüderle schauen. Eben erwähnter letzter und wichtiger Punkt, war bei besagter Barszene des STERN-Artikels nicht gegeben. Die zitierte Äußerung von Frau Himmelreich macht das recht deutlich. Nun könnte man sagen, dass es vorher ja nicht immer klar ist, ob das Gegenüber bereit ist, auf einen Flirt einzugehen. Dazu kann man sagen, dass Brüderle hier auch den Rahmen des Beruflichen, des Professionellen überschritten hatte.

Viel wichtiger ist aber auch die Form der vermeintlichen „Anmache“. Dabei kommt es darauf an, wie ein Mann (und ich gehe jetzt einmal bewusst nur auf den Fall ein, dass ein Mann sich sexistisch gegenüber einer Frau verhält) eine Frau, mit der zu flirten gedenkt, wahrnimmt. Eine Frau als Objekt wahrzunehmen, sich anzüglich ihr gegenüber zu äußern, ihren Körper auf primitive Weise in den Vordergrund zu stellen („Sie können ein Drindl auch ausfüllen.“) sind klare Anzeichen einer sexistischen Haltung. Die Frau wird in ihrem Wesen auf ihren Körper beschränkt und in einer Rolle, nämlich die dem Mann untergeordnete und sich alles gefallen lassen zu müssen, was ihm gefällt, diskriminiert.

Sexismus entsteht in deinem Kopf – nicht durch kurze Röcke!

Ursache dieses männlichen Verhaltens ist eine innere Haltung des Mannes gegenüber einer Frau, die davon ausgeht, eine Frau sei weniger wert und habe dem Mann unterwürfig zu sein, ihm zu gefallen. Eine gleichberechtigte Haltung eines Mannes würde nie zu Aussagen führen, die auf plumpe Weise das Dekolleté ansprechen. Männer mit einem Verhalten, das dieses eingefahrene und eher konservative Denken widerspiegelt, werden umgangssprachlich als Machos oder Chauvis bezeichnet. Daraus leiten sich die Begriffe Machismus und Chauvinismus ab. Diese „Ismen“ beinhalten ein konservatives Frauenbild, das von einer Vormachtstellung des Mannes ausgeht. Im Wort Vormachtstellung steckt das Wort „Macht“. Der Mann sieht sich mächtiger gegenüber einer Frau. Dies lebt er aus, indem er sie auf ihren Körper reduziert – in seinem Denken, Handeln und Reden.

Sexismus ist also nicht nur – wie in den TV-Debatten häufig fälschlich mitgeteilt – ein typisches Arbeitsplatzphänomen zwischen Chef und Angestellter. Sicherlich sind hier äußere Machtverhätnisse noch ein Katalysator, aber ein erhöhtes Machtgefühl ist immer eine innere Einstellung. Übrigens ist das auch bei Rassismus der Fall. Ein Überlegenheitsgefühl und die daraus resultierende Beschränkung des Gegenübers auf seine äußeren Eigenschaften.

Die Sache ist also die: In der Debatte sollte es nicht um den STERN gehen, nicht um Brüderle. Es sollte um das Thema Sexismus gehen! Und Sexismus (das sollte vielleicht auch Birgit Kelle nochmals verinnerlichen!) entsteht nicht durch kurze Röcke oder offene Blusen, er entsteht im Kopf eines Mannes. Das ist etwas, was ich gern auch in den Fernsehdebatten gehört hätte.

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