#Aufschrei im Himmelreich oder: Der Chauvinist in deinem Kopf

Vor gut anderthalb Wochen begann ganz plötzlich in Deutschland eine Debatte um Sexismus. Viel wurde darüber geredet, gesagt wurde so gut wie gar nichts. Dass Sexismus im Kopf des Mannes entsteht und nicht durch kurze Röcke oder tiefdekolletierte Dirndl, hätte mindestes erwähnt werden sollen!

Zunächst tauchte im STERN ein Artikel auf, der sich „Der Herrenwitz“ nannte. Die Autorin war Laura Himmelreich. Den Namen hatte wohl vorher noch nie jemand gehört, plötzlich war er in aller Munde. Himmelreich begleitete ein Jahr lang den FDP Spitzenpolitiker Rainer Brüderle und beginnt ihr Portrait über ihn mit der Schilderung einer Barszene, die für sie mehr als unangenehm schien. Sie schließt die Unterhaltung mit dem Satz: „Ich finde es besser, wir halten das hier professionell.“ (Zum Nachverfolgen, hier der besagte Artikel: http://bit.ly/VsBNhe)

Ein #Aufschrei geht um

Dass es notwendig ist, einen Mann auf die äußeren Umstände einer Situation hinzuweisen, die per se eine professionelle, nämlich die zwischen Politiker und Journalsitin, ist, veranlasste Twitter-User_innen unter dem Hashtag Aufschrei (#Aufschrei) ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus auszutauschen. Binnen kurzer Zeit fanden sich zehntausende Tweets.

So wurde also ein Portrait über Brüderle zum Anlass, über ein Thema in Deutschland zu reden, dass scheinbar vielen längst auf der Seele brannte. Brüderle und der Artikel waren dabei folglich nur der Auslöser, das Problem und seine Ursache waren bereits in hohem Maße vorhanden. Wenn nun aber ein Spitzenpolitiker der FDP Schelte bekommt und gleichzeitig die für Medien oft immer noch ominös wirkende „Internet-Community“ so auf eine Thema reagiert, muss ein solches Thema zwingend schnell auf die Agenda von Fernsehtalkrunden. So geschah es, dass Günther Jauch und („Goldene Kamera“-Preisträger für die beste Unterhaltungssendung im Deutschen Fernsehen nach Zuschauervoting(!), nämlich „Wetten, dass…?“) Markus Lanz über das Thema „Sexismus“ sprachen.

Lachen wir den Sexismus nieder

Wer hoffte, die Debatte würde in ernsthaftem Rahmen geführt, muss fast naiv gewesen sein. (Ich gehörte selbst dazu, die Hoffnung überwog, die Enttäuschung kam promt.) Sowohl der Nach-Tatort-Polit-Talk-Termin Günther Jauch als auch das „Wir-reden-mal-von-Du-zu-Du“-Format Lanz schafften es mit ihren Gästen mindestens einen Herrenwitz in die Sendung einzubauen. Bei Jauch sorgte Hellmuth Karasek für eben diesen. Bei Lanz ließ man(n) Schlagersänger Heino darüber palabern, wie schön er es finde, dass viele Frauen aufgrund ihrer Brüste berühmt geworden seien. Lanz, dem vermutlich die Redaktion vor der Sendung mehrmals sagte: „Markus, du musst den Menschen ganz oft sagen, dass du die Debatte sehr wichtig findest und auch sehr ernst nimmst!“, hätte vielleicht vorher mal irgendein Buch oder wenigstens sein Smartphone zu Rate ziehen sollen, um nachzulesen, was eigentlich dieses „Sexismus“ bedeutet. Leider hatte Lanz aber viel mehr Spaß dabei, sich über Heinos Statements schlapp zu lachen.

Beide Sendungen waren neben vielen Lachern zum Thema auch nicht in der Lage, sich vom eigentlichen Auslöser zu entfernen, um in die wahre Debatte vorzudringen. Lieber hielt man dem STERN (zwar berechtigt!) vor, die Debatte sei irgendwie heuchlerisch, wenn man ständig Gesundheitsthemen mit nackten Frauenkörpern auf dem Covern anpreisen müsse und auch ein Jahr warte, bis Brüderle an die Spitze der FDP kommt, um dann mit besagtem Artikel zuzuschlagen. Viel drehte sich also um den STERN, nicht wirklich ging es um Sexismus und leider gelang es daher nicht einmal Alice Schwarzer dem Publikum zu erklären, was Sexismus nun eigentlich ist.

Missverständnisse in der Sexismusdebatte

In der ganzen Debatte hört man nun Männer aufschreien (die Wortwahl ist durchaus gewollt), die nicht mehr flirten wollen, die Angst haben, Frauen anzusprechen und man hört auch FDP-Querkopf Wolfgang Kubicki, der jetzt einfach nichts mehr mit Journalistinnen zu tun haben will (http://bit.ly/XRSOB5). DAS alles ist natürlich nicht Sinn und Zweck solch einer Debatte, aber Ergebnis dessen, was u.a. in den Medien daraus gemacht wurde. Alle reden drüber, viele wissen aber leider noch immer nicht, was das nun eigentlich ist. Daher hier nun ein paar (männliche) Sichtweisen auf das Thema Sexismus:

Am Anfang Folgendes: Sexismus kann es in beide Richtungen geben. Darauf wurde auch in besagten TV-Formaten hingewiesen, nur leider wurde immer etwas sehr entscheidendes vergessen: Sexismus von Mann gegen über Frau ist um einiges häufiger! Klar können auch Männer Opfer von Sexismus sein, das will niemand in Abrede stellen, der andere Fall, also dass Frauen Opfer von Sexismus werden, ist aber nunmal mehr verbreitet.

Flirten ist nicht gleich Sexismus. Niemand nimmt einem oder einer einen Flirt übel. Das Problem ist häufig nur, dass viele nicht wissen, was ein Flirt ist. Der Flirt findet zunächst immer in einem Rahmen ab, der nichts mit der Arbeit zu tun haben sollte. Außerdem sind die Menschen, die an einem Flirt interessiert und beteiligt sind, nicht in einer Funktion anwesend sonder immer im Privaten. Wer schlau ist, hat übrigens den wichtigsten aller Punkte auch schon bemerkt: es sind mindestens zwei Menschen an einem Flirt beteiligt, übrigens, zwei Menschen, die flirten wollen! Und zwar beide.

Brüderle – klarer Fall von Sexismus

Hier könnten wir übrigens wieder mal auf Herrn Brüderle schauen. Eben erwähnter letzter und wichtiger Punkt, war bei besagter Barszene des STERN-Artikels nicht gegeben. Die zitierte Äußerung von Frau Himmelreich macht das recht deutlich. Nun könnte man sagen, dass es vorher ja nicht immer klar ist, ob das Gegenüber bereit ist, auf einen Flirt einzugehen. Dazu kann man sagen, dass Brüderle hier auch den Rahmen des Beruflichen, des Professionellen überschritten hatte.

Viel wichtiger ist aber auch die Form der vermeintlichen „Anmache“. Dabei kommt es darauf an, wie ein Mann (und ich gehe jetzt einmal bewusst nur auf den Fall ein, dass ein Mann sich sexistisch gegenüber einer Frau verhält) eine Frau, mit der zu flirten gedenkt, wahrnimmt. Eine Frau als Objekt wahrzunehmen, sich anzüglich ihr gegenüber zu äußern, ihren Körper auf primitive Weise in den Vordergrund zu stellen („Sie können ein Drindl auch ausfüllen.“) sind klare Anzeichen einer sexistischen Haltung. Die Frau wird in ihrem Wesen auf ihren Körper beschränkt und in einer Rolle, nämlich die dem Mann untergeordnete und sich alles gefallen lassen zu müssen, was ihm gefällt, diskriminiert.

Sexismus entsteht in deinem Kopf – nicht durch kurze Röcke!

Ursache dieses männlichen Verhaltens ist eine innere Haltung des Mannes gegenüber einer Frau, die davon ausgeht, eine Frau sei weniger wert und habe dem Mann unterwürfig zu sein, ihm zu gefallen. Eine gleichberechtigte Haltung eines Mannes würde nie zu Aussagen führen, die auf plumpe Weise das Dekolleté ansprechen. Männer mit einem Verhalten, das dieses eingefahrene und eher konservative Denken widerspiegelt, werden umgangssprachlich als Machos oder Chauvis bezeichnet. Daraus leiten sich die Begriffe Machismus und Chauvinismus ab. Diese „Ismen“ beinhalten ein konservatives Frauenbild, das von einer Vormachtstellung des Mannes ausgeht. Im Wort Vormachtstellung steckt das Wort „Macht“. Der Mann sieht sich mächtiger gegenüber einer Frau. Dies lebt er aus, indem er sie auf ihren Körper reduziert – in seinem Denken, Handeln und Reden.

Sexismus ist also nicht nur – wie in den TV-Debatten häufig fälschlich mitgeteilt – ein typisches Arbeitsplatzphänomen zwischen Chef und Angestellter. Sicherlich sind hier äußere Machtverhätnisse noch ein Katalysator, aber ein erhöhtes Machtgefühl ist immer eine innere Einstellung. Übrigens ist das auch bei Rassismus der Fall. Ein Überlegenheitsgefühl und die daraus resultierende Beschränkung des Gegenübers auf seine äußeren Eigenschaften.

Die Sache ist also die: In der Debatte sollte es nicht um den STERN gehen, nicht um Brüderle. Es sollte um das Thema Sexismus gehen! Und Sexismus (das sollte vielleicht auch Birgit Kelle nochmals verinnerlichen!) entsteht nicht durch kurze Röcke oder offene Blusen, er entsteht im Kopf eines Mannes. Das ist etwas, was ich gern auch in den Fernsehdebatten gehört hätte.

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„Und dann wird die schön heulen unter der Dusche“

Derzeit gibt es eine heftige Diskussion über Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die beiden TV-Hoffnungen des ZDF. Viele verstehen die Aufregung gar nicht.

Selbst unter meinen eigenen Facebookfreunden muss ich dann sowas lesen:

Ich will überhaupt nicht behaupten, dass ich jemand bin, der im Normalfall keinen Mundwinkel verzieht, wenn es heißt „Wenn ich Sie wäre“. Ich mag Joko und Klaas sogar, darum mache ich im Normalfall überhaupt keinen Hehl. Und dann kam die Sendung vom 4.10.2012.

„Fass ihr einmal an die Moppelklappen“

Joko und Klaas spielen das beliebte Spiel „Wenn ich Sie wäre“. Mit dem Hinweis auf eine Hostess auf dieser Ausstellung, stellt Klaas Joko die Aufgabe: „Fass ihr einmal an die Moppelklappen und einmal an Arsch!“ Haha, voll lustig. Krass die Mutprobe.

Was hier passiert ist allerdings nicht ein Kleinerjungenstreich oder eine lustige Mutprobe. Hier ist Folgendes passiert: Eine Frau soll ohne ihren Willen an gewissen Körperstellen berührt werden. Eine Frau, und das kann ich leider gar nicht oft genug sagen, ist aber kein Spielzeug oder ein Objekt, über das ein Mann einfach so verfügen kann. Eine Frau hat einen Willen und ist ein Subjekt, dass Mann ernstzunehmen hat, wie er auch einen Mann ernstnehmen würde. Es gibt da keinen Unterschied von Hierarchie oder sonst etwas. Dass Mann immer mal wieder denkt, er kann eine Frau einfach anfassen, muss man leider immer wieder in Diskos oder auch bei älteren Herren im Zusammenhang mit Kellnerinnen feststellen.

Die Empörung von vielen Seiten war nach der Sendung eigentlich vorprogrammiert. Ganz klar ist mir immer noch nicht, warum Menschen, die ich eigentlich für gar nicht so blöde halte, nicht merken, dass hier ganz schön was schief läuft.

Aber scheinbar gibt es in der NeoParadise-Redaktion nicht einen Menschen, der ein Problem darin sieht, einer Frau ungefragt an die Brüste zu grabschen. Ich will nicht soweit gehen zu sagen, dass in der Redaktion nur Leute sitzen, die mit sexueller Belästigung kein Problem haben. Ich denke sogar, dass es Leute sind, die sexuelle Belästigung als ein Problem der Gesellschaft anerkennen. Leider sind es dennoch offenbar Menschen, die dummerweise gar nicht wissen, was sexuelle Belästigung bedeutet.

Das hat nichts mit political correctness zu tun

Die Welle der Empörung ist auch nicht eine Welle von Spaßwegschiebern, die einen auf politisch korrekt machen. Einen Menschen sexuell zu belästigen ist weder Bagatelle noch Kavaliersdelikt. Es ist ein Straftatbestand. (Punkt.)

Das ZDF scheint das Problem mit der Antwort

„Joko Winterscheidt nahm die ihm gestellte Aufgabe an, tatsächlich waren die Berührungen aber lediglich angedeutet. Die Messehostess wurde von ihm aber nicht angefasst.“ (http://derspringendepunkt.tumblr.com/post/33359562948/beschwerdemail-antwort-des-zdf)

offenbar auch noch nicht erkannt zu haben.

Die Darstellung, man könne einer Frau ungefragt irgendwo hinfassen und das ist dann irgendwie lustig, sorgt für eine Kultur, die es absolut in Ordnung findet, wenn Frauen als Objekte betrachtet werden; mit der Mann tun kann, was Mann gern will. Leute, das geht vorn und hinten nicht!

Und noch’n Witz über Vergewaltigungsopfer

Da das nicht schon schlimm genug wäre, legt Klaas noch einen drauf:

„Der war das auch so unangenehm. Die stand da und hat sich richtig entwürdigt gefühlt.“

Klaas hat es erkannt. Ein Mensch wurde seiner Würde beraubt. Die unantastbare Würde, die jedem Menschen (nicht nur Männern) durch unser Grundgesetz garantiert wird, wurde beschädigt. Wie kann jemand, der diese Worte auch noch in den Mund nimmt, tatsächlich eingestehen, dass dieses Material in die Sendung kommt? Und wie kann das ZDF sowas dann bitte auch noch senden? Pennen die da?

Und der schärfste „Witz“ kommt dann:

„Die fährt jetzt gleich nach Hause und dann wird die schön heulen unter der Dusche. Die steht dann sechs Stunden lang unter die Dusche.“

Opfer von Vergewaltigungen haben oft das Bedürfnis sich nach einer Tat zu duschen. Scheinbar muss das für Klaas eine unglaublich lustige Sache sein. Anders ist doch so ein Kommentar nicht zu verstehen. Zu behaupten, die Nummer ging auf Jokos Kosten, ihn als Vergewaltiger darzustellen, verharmlost die ganze Sache einfach nur.

Ich hoffe, dass irgendwie auch dem (und durchaus auch der) Letzten klar geworden ist, dass die Aufregung zu dem Video nichts mit „Berufsempörern“ oder „Moralapostelei“ zu tun hat.

Und wenn jeMANNd das immer noch nicht kapiert hat:

Stell dir vor, du wurdest als Junge von deinem Onkel vergewaltigt. Dann stehst du irgendwo nichts ahnend in der Gegend rum und ein Homosexueller greift dir an die Eier und lacht dann, dass du dich jetzt bestimmt erstmal ein paar Stunden unter die Dusche stellen musst.

Voll lustig, oder?

Das Video wurde von mir absichtlich nicht gepostet, ich möchte ungern Klickzahlen dafür erhöhen. Wenn es jemand sehen will, wird er oder sie es schon finden.

Geschlecht als Zuschreibung – oder: Eine (nur etwas) naive Geschichte der Menschheit

Stellen wir uns vor, ein Mensch kommt auf die Welt. Stellen wir uns weiter vor, ein zweiter Mensch kommt auf die Welt. Schauen wir uns diese beiden Menschen an. Sie haben eine Nase, zwei Ohren, Augen, einen Mund. Weiter unten finden wir Schultern und Arme, einen Bauch. Nun wird es spannend. Es gibt einen Unterschied zwischen dem ersten Menschen und dem zweiten: der erste Mensch hat eine Lücke zwischen den Beinen, der zweite Mensch hat an derselben Stelle etwas Hängendes. Was nun? Wir sollten diesen Dingen Namen geben. Nun, nennen wir doch das beim ersten Menschen „Vagina“ und das beim zweiten Menschen „Penis“. Eine gute Entscheidung. Unterschiedliche Dinge sollte man unterschiedlich benennen. Durch diesen Unterschied sollten wir jetzt aber auch diese beiden Menschen unterschiedlich benennen. Ich würde sagen, nennen wir den ersten Menschen „Frau“, den zweiten Menschen „Mann“. Gelungene Begriffe, wie ich finde.

Wieder mal eines dieser von mir vermutlich noch häufiger auftauchenden Beispiele. Was ist grad passiert? Ich wollte natürlich auf etwas hinaus. Und zwar auf die Künstlichkeit von Begriffen. Wir benutzen Begriffe, um Dinge zu benennen. Wenn wir Unterschiede zwischen zwei eigentlich identischen Dingen feststellen, benutzen wir unterschiedliche Benennungen. Das geschah auch irgendwann mal beim Menschen. Wir haben für einen biologischen (natürlichen) Unterschied einen begrifflichen (künstlichen) gefunden. Künstliche Begrifflichkeiten haben wir überall. Wir nennen Tisch „Tisch“, nicht weil er nach „Tisch“ aussieht, sondern, weil wir irgendwann einmal einen Begriff dafür gesucht haben. Mann und Frau sind ebenfalls solche Begriffe, die wir gebraucht haben, um Dinge (oder in diesem Fall Personen) zu kategorisieren.

Von der Kategorie zur Rolle zur Eigenschaft

Beim Menschen haben wir eine Kategorisierung in zwei Kategorien vorgenommen: Frau und Mann. Was sagt dies nun über diese Menschen aus? Nun, erst mal gar nichts. Ein Tisch sieht an sich nicht nach „Tisch“ aus. Eine Frau an sich sieht erst mal nicht nach „Frau“ aus und ein Mann an sich auch erst mal nicht nach „Mann“. (Man hätte die Begriffe auch genau anders herum wählen können, wir würden es heutzutage als normal ansehen, würde der Tisch Mann, die Frau Tisch und der Mann Frau heißen.) Alles also erst mal nur eine Art Label, wie das von einer Jeanshose. (Jeans von Diesel sehen ja auch nicht wie flüssiger Treibstoff aus.) Im Laufe der Zeit haben sich aus diesen Labels oder Kategorien (Mann und Frau) Rollen abgeleitet, die wir immer mehr mit Eigenschaften verbunden haben. Die Eigenschaften entstanden erst, nachdem wir die Rollen hatten. Eigentlich logisch, oder? Zuerst machen wir Label, dann entwickeln sich Rollen und die bekommen dann mehr und mehr Eigenschaften. Irgendjemand kam also mal auf die Idee, die Kategorie „Mann“ ist der Mensch, der Jagen geht. Die Kategorie „Frau“ ist der Mensch, der zu Hause (oder in der Höhle) bleibt. Vermutlich kam das dadurch, dass der Mensch namens „Frau“ weitere Menschen zur Welt brachte (, die dann auch wieder „Mann“ oder „Frau“ genannt wurden) und somit einige Zeit nicht hätte Jagen gehen können.

Soweit alles doch irgendwie noch ganz nachvollziehbar. Der eine Mensch kriegt Kinder; weil dieser Mensch die Kinder eh nicht unterwegs bekommt, bleibt er besser zu Hause und der Mensch, der keine Kinder bekommen kann, der geht dann eben Jagen. Kann man so machen. Die Rollen sind verteilt.

Von der Eigenschaft zurück zur Rolle zurück zur Kategorie?

Was ist nun aber mit den Eigenschaften? Irgendwann kam es aus diesen Rollen, die zunächst an sich keine Eigenschaften mit sich bringen dazu, dass die Menschen namens „Mann“ durch das Jagen Muskeln bekamen. Die Menschen namens „Frau“ bekamen vom zu Hause bleiben eher weniger Muskeln. Auf die Kinder passten sie dann irgendwie auch noch auf – sie waren schließlich zu eh schon zu Hause. Somit hat man dann der ursprünglich nur zur Benennung gedachten Kategorie „Mann“ die Rolle „Jäger“ zugesprochen, der dann die Eigenschaft „Stärke“ zugesprochen wurde. Der Kategorie „Frau“ sprach man die Rolle „Kinderhüterin und Zu-Hause-Bleiberin“ zu und leitete daraus die Eigenschaft „Schwäche“ oder „Verletzlichkeit“ ab.

Und jetzt kommt der Witz der Sache. Nicht nur, dass sich diese Vorstellung, die auf dieser Entwicklung beruht, zu Teilen bis heute hält (dabei jagen Männer sehr selten noch und auch Frauen bleiben selten den ganzen Tag daheim), sondern der Spieß wurde auch umgedreht. Frauen hatten nicht nur mehr die Eigenschaft „Schwäche“ sondern die Eigenschaft „Schwäche“ wurde gleichzeitig zur fraulichen (wir sagen heute: weiblichen) Eigenschaft. Wohingegen Stärke eine männliche Eigenschaft ist. Stereotyp nennt man so etwas.

Nur, weil mal vor soundso vielen Jahrhunderten oder besser Jahrtausenden Männer auf die Jagd gingen und Frauen in der Höhle blieben, gelten Männer heute noch als Träger der Eigenschaft „Stärke“ und Frauen als Trägerin der Eigenschaft „Schwäche“. Und weil dieses vorgeschichtliche Überbleibsel nicht schon genug gehalten hat, geht das andersherum auch noch: Schwäche ist weiblich, Stärke ist männlich.

Ein Huhn legt Eier. Ist jedes eierlegende Tier ein Huhn?

Nur mal ein kleiner Exkurs: Das wäre so, als wenn man sagt, ein Huhn legt Eier und alles was Eier legt, ist ein Huhn. Das mag ja für das erste stimmen, aber die zweite Aussage ist doch echt Quark. Und genauso Quark ist es doch dann auch zu sagen, dass Schwäche eine weibliche Eigenschaft ist.

Hierbei hat es nur noch größere Auswirkungen auf die Rolle. Wenn nun irgendein Mensch der Kategorie „Mann“ die Eigenschaft „Schwäche“ aufweist, dann sagt man: „Du bist doch ein Mann! Schwäche ist was für Frauen, bist du schwach, kannst du kein richtiger Mann sein!“ Mh, irgendwie gewohnte Aussagen. Aber nochmal zum Mitschreiben: Also, ich bin kein Mann, weil? Achso, genau, weil irgendwann mal die Eigenschaften klar zugeschrieben wurden. Hui, ganz schöner Quatsch, oder? Wer sagt denn, weil Frauen irgendwann mal die Eigenschaft „Schwäche“ bekommen haben, dass automatisch „Schwäche“ (sozusagen im Umkehrschluss) gleichzeitig dann Frau bedeutet? Schwäche ist doch eine von vielen Eigenschaften. Und aus der Zu-Hause-Bleiben-Nummer auf „Schwäche“ zu kommen ist doch auch irgendwie nicht mehr das aktuellste, oder?

Zurück zu Menschen mit Penissen und Menschen mit Vaginas

Festgestellt wurde: Es gibt biologisch gesehen einen Unterschied bei Menschen. Diesen Unterschied wollte man kategorisieren und hat dafür die Namen „Mann“ und „Frau“ gefunden. Aus dem Verhalten dieser biologisch unterschiedlichen Menschen hat man die ursprünglichen Kategorienamen auf Rollen übertragen und das dann weiter auf Eigenschaften.

Und was heißt das jetzt alles? Folgendes: Ich denke, man sollte sich klar sein, dass es reale (bzw. natürliche) Dinge gibt: Menschen mit Penissen und Menschen mit Vaginas. Dann gibt es künstliche Begriffe, die dafür sorgen, dass wir diese Dinge in Schubladen packen können, also kategorisieren. Dann gibt es reale Rollen, z.B. Menschen, die Jagen gehen; Menschen, die kochen; Menschen, die Kinder kriegen; Menschen, die singen; Menschen, die tanzen usw. Für diese natürlichen Rollen brauchen wir auch wieder Begriffe, eben künstliche Begriffe (Jäger/in, Sänger/in, Tänzer/in etc.). Und dann gibt es Eigenschaften, wie eifersüchtig, stark, freundlich, energisch, einfühlsam usw. Auch diese Begriffe, sind künstliche Begriffe, die wir gefunden haben, um eben diese entsprechenden Eigenschaften irgendwie zu benennen.

Und jetzt kommt‘s: Genauso künstlich, wie die Wörter sind, die wir den Dingen geben, um sie benennen zu können, haben wir sie irgendwann mal mit den Kategorien „Frau“ und „Mann“ verknüpft. Nicht, weil das Wort „einfühlsam“ irgendwie wie eine Frau aussah oder das Wort „energisch“ nach Mann, sondern weil durch die Rollen, die die beiden Kategorien (Frau, Mann) bekamen, diese Eigenschaften entwickelt wurden und dann im Umkehrschluss (wie gezeigt) auf die Kategorien zurückgeführt wurden.

Soll heißen: Wer grad beim Lesen der Worte „eifersüchtig“ oder „einfühlsam“ an Fraueneigenschaften und bei „stark“ oder „energisch“ an Männereigenschaften gedacht hat, ist genau dieser Sache auf den Leim gegangen. Die Eigenschaft „einfühlsam“ hat nichts an sich mit dem weiblichen Geschlecht zu tun, und die Eigenschaft „energisch“ nichts mit dem biologischen Geschlecht des Mannes. Es sind Zuschreibungen, die sich entwickelt haben, über viele Jahrhunderte und die sich gehalten haben, über eben genau diese vielen Jahrhunderte. Und mit denen sehr viele von uns, auch ich aufgewachsen (also sozialisiert worden) sind.

Also Klartext: „Einfühlsam“ ist nicht weiblich, „einfühlsam“ ist eine Eigenschaft.